Wer schrieb die Bibel?

Wer schrieb die Bibel?

 

Friedman, Richard Elliott

Summit Books (Simon & Schuster, Inc.) 1987

[Wir beginnen unser Zitat aus den Seiten 232-233]

 

Kunstfertigkeit über Kunstfertigkeit

Der Redaktor [1], den ich als Ezra identifiziere, ist der am wenigsten gewürdigte  von den Mitwirkenden bei den fünf Bücher Moses. Für gewöhnlich wird den Autoren der Geschichten und Gesetze mehr Anerkennung gezollt. Hier könnte ein Fehler liegen.

Der Redaktor war ebenso sehr ein Künstler auf seiner eigenen Art wie auch die Autoren von J, E, P und D es auf ihre waren. Sein Mitwirken war sicherlich genauso wichtig wie ihres.

 Ezras Aufgabe war nicht nur schwer, sie war auch kreativ. Sie erforderte Weisheit und literarisches Fingerspitzengefühl bei jedem Schritt sowie eine Fertigkeit, die keine geringere Kunst ist als das Geschichtenerzählen.

Schlussendlich war er derjenige, der das Werk schuf, welches wir all diese Jahre gelesen haben. Er setzte die endgültige Form der Geschichten und Gesetze zusammen, die, in vieler Hinsicht Millionen beeinflusst haben.

Ist das wirklich sein Einfluss? Oder ist es der Einfluss der Autoren der anderen Quellen? Oder wäre es besser von einer literarischen Partnerschaft von all diesen Mitwirkenden zu sprechen; eine Partnerschaft von der die meisten der Autoren überhaupt nicht wussten, dass sie stattfinden würde? Wie viel Ironie ist in dieser Partnerschaft enthalten, die sich über Jahrhunderte hinweg verbreitete? Wie viele neue Entwicklungen und Ideen resultierten aus der Kombination aller ihrer Beiträge?

Kurzum, die Frage für das letzte Kapitel dieses Buches ist: Ist die Bibel mehr als die Summe ihrer Teile?

[Ende des Zitats]

 

Pentateuch [Ersten fünf Bücher, die im Alten Testament auftauchen]:

Moses ist die Hauptfigur in den  meisten dieser Bücher.  Die frühe jüdische und christliche Überlieferung war der Ansicht, dass Moses selbst sie schrieb, obwohl nirgendwo in den fünf Büchern Moses der Text sagt, dass er der Autor sei.

[Deut. 31:9,24-26 beschreibt Moses als eine Schriftrolle der Tora schreibend - aber keine Behauptung, dass die Schriftrolle alle fünf Bücher beinhaltet. Nur später ist es dazu gekommen, dass die Tora gleichbedeutend mit dem Pentateuch geworden ist.]

Aber die Überlieferung, dass eine Person namens Moses alleine diese Bücher schrieb, stellte Probleme dar. Menschen erkannten Widersprüche in dem Text . Es werden Ereignisse in einer bestimmten Reihenfolge berichtet und später   wurden dieselben Ereignisse in einer anderen Reihenfolge erzählt.

Es  wird berichtet, dass es zwei von etwas gebe und irgendwo anders wird gesagt, dass es vierzehn desselben Dinges gebe. Es wird gesagt, dass die Moabiter etwas taten und später wird erzählt, dass es die Midianiter waren .  Moses wird als zum Tabernakel gehend beschrieben in einem Kapitel bevor Moses den Tabernakel baut.

Menschen bemerkten auch, dass die fünf Bücher Mose Dinge beinhalteten, die Moses nicht gewusst haben konnte, oder von denen es  unwahrscheinlich war, dass er sie gesagt hat. Der Text gab zu guter Letzt einen Bericht über Moses Tod. Es sagte auch, dass Moses „der bescheidenste Mann auf Erden“ war... und normalerweise würde man  vom bescheidensten Mann auf Erden nicht erwarten, dass er genau darauf hinweist. (17f.)

 

Die Einwände wurden großteils durch verschiedene Erklärungsarten behoben (einschließlich Midrasch). Und in der mittelalterlichen Zeitspanne kamen die Erklärungen   Eingestehen , dass Moses nicht der einzige Autor gewesen sein mag, behoben zu werden :

Im elften Jahrhundert wies Isaak ibn Jaschusch, ein jüdischer Hofarzt eines Herrschers im islamischen Spanien, darauf hin, dass eine Liste von edomitischen Königen, die in Genesis 36 auftaucht, Könige benannte, welche lange nach Moses Tod lebten. Ibn Jaschusch wies darauf hin, dass die Liste von jemandem geschrieben wurde, der nach Moses lebte. Die Antwort auf seine Schlussfolgerung war, dass er „Isaak der Pfuscher“ genannt wurde.

[19]


Aber der Mann, der ihn so nannte, Rabbi Ibn Ezra aus dem Spanien des zwölften Jahrhunderts, fügte hinzu:

Etliche Passagen schienen nicht aus Moses eigener Hand zu stammen: Textstellen, die sich auf Moses in der dritten Person bezogen, die Begriffe benutzten, die Moses nicht gewusst haben konnte, Orte beschrieben an denen Moses nie gewesen sein konnte und eine Sprache benutzten, die eine andere Zeit und einen anderen Schauplatz widerspiegelten als die von Moses.

[19-20]


Friedman weist darauf hin, dass Ibn Ezra erkannte, dass diese Textstellen ibn Jaschuschs Behauptung bestätigten – aber zum Stillschweigen riet.

Das Schweigen wurde im 14. Jhd. von Bonfils in Damaskus gebrochen. Bonfils schrieb:

  “Und dies ist Beweis dafür, dass dieser Vers später in die Tora geschrieben wurde und ihn nicht Moses  schrieb… sondern einer der späteren Propheten  .“ Bonfils leugnete nicht den Offenbarungs-Charakter des Textes. Dennoch dachte er, dass die fraglichen Textstellen von „einem der späteren Propheten“ geschrieben wurden. Er schlussfolgerte nun, dass sie nicht von Moses geschrieben worden waren. Dennoch wurde sein Werk dreieinhalb Jahrhunderte später ohne diese Hinweisen    neu gedruckt.

[19]

Von der alten Erklärung., dass   Joschua die Beschreibung von Moses Tod hinzugefügt hatte,abweichendbemerkte im sechzehnten Jahrhundert Karlstadt, ein Zeitgenosse Luthers, dass die Beschreibung von Moses Tod im selben Stil geschrieben ist wie die Texte, die diesem vorangehen. Dies macht es schwierig zu behaupten, dass Joschua oder irgendjemand anders lediglich ein paar Zeilen zu einem ansonsten mosaischen Manuskript hinzugefügt hätte.

In einer zweiten Stufe des Prozesses wiesen Untersucher darauf hin, dass Moses die fünf Bücher zwar schrieb, aber dass Editoren diese später durchsahen und  gelegentlich ein Wort oder eine eigene Phrase hinzufügten. Im sechzehnten Jahrhundert stellten Andreas Masius, ein flämischer Katholik und zwei jesuitische Gelehrte, Benedict Pereira und Jacques Bonfrere, einen Originaltext von der Hand des Moses dar, auf welchen spätere Schreiber aufbauten. Masius legte nahe, dass ein späterer Verfasser Phrasen einfügte oder den Namen eines Ortes zu seinem aktuelleren Namen abänderte, sodass Leser es besser verstehen konnten. Masius Buch wurde auf den katholischen Index der verbotenen Bücher gesetzt.

[19-20]

In der dritten Stufe der Nachforschung kamen die Ermittler unumwunden zum Schluss, dass nicht Moses den Großteil der fünf Bücher schrieb.

Hobbes (17. Jhd.) – Beispiel : der Gebrauch der Formulierung „zu diesem Tag“, welches kein Ausdruck ist, welcher von jemandem verwendet wird, der eine zeitnahe Situation beschreibt.

Vier Jahre später, erklärt Isaac de La Peyrère (französischer Calvinist) - „jenseits des Jordan“ (Deuteronomium 1:1), was Moses in Israel platzieren würde,  widerspreche  der Behauptung , dass Moses Israel nie betrat. (Buch wurde verboten und verbrannt; de La Peyrère wurde verhaftet, gezwungen Katholik zu werden.)

Zeitnah, veröffentlichte Spinoza eine vereinheitlichte kritische Analyse, welche aufzeigte, dass die problematischen Textstellen den gesamten Text durchziehen:

Es gab die Berichte in der dritten Person über Moses,  Aussagen, die Moses wahrscheinlich nicht  gemacht hat (z.B. "demütigster Mann auf Erden"), der Bericht über Moses Tod, der Ausdruck "zu diesem Tag", die Verweise auf geographische Schauplätze mit Namen die sie erst nach Moses Lebenszeit erlangten, die Abhandlung von Dingen, die im Anschluss an Moses passiert waren (z.B. die Liste der edomitischen Könige) und verschiedene Widersprüche und Probleme im Text von der Sorte der früheren Forscher . Er merkte auch an, dass der Text in Deuteronomium 34 sagt: "Es tauchte nie ein neuer Prophet in Israel auf wie Moses...". Spinoza bemerkte, dass sich diese wie die Worte von jemandem anhören, der lange Zeit nach Moses lebte und die Gelegenheit hatte, andere Propheten zu sehen und somit den Vergleich zu machen (sie hören sich auch nicht wie die Worte des bescheidensten Mannes auf Erden an). Spinoza schrieb: "Es ist... klarer als die Mittagssonne, dass der Pentateuch nicht von Moses geschrieben wurde, sondern von jemandem der lange nach Moses lebte." Spinoza wurde vom Judentum exkommuniziert. Nun wurde sein Werk sowohl von Katholiken als auch von Protestanten verurteilt. Sein Buch wurde auf den katholischen Index gesetzt. Innerhalb von sechs Jahren wurden siebenunddreißig Verordnungen dagegen erteilt, und es wurde ein Mordanschlag auf ihn verübt.

[20-21]

Richard Simon, ein katholischer Priester, der vom Protestantismus konvertierte, schrieb was er als kritische Abhandlung über Spinoza beabsichtigt hatte :

Der Kern des Pentateuch (die Gesetze) war mosaisch, außer dass es manche Ergänzungen gab. Die Hinzufügungen, sagte er, waren von Schriftgelehrten, welche die alten Texte zusammentrugen, zusammenstellten und diese näher ausführten. Diese Schreiber, , waren laut Simon Propheten, die vom heiligen Geist geführt waren, und so betrachtete er sein Werk als eine Verteidigung der Heiligkeit des biblischen Textes.

[21]

Aber seine Zeitgenossen waren nicht bereit: er wurde von der katholischen Geistlichkeit attackiert, von seinem Orden ausgestoßen, und seine Bücher landeten auf dem Index. Protestanten schrieben 40 Gegenschriften zu seinem Werk. 1294 Kopien seines Buches wurden verbrannt - 6 überlebten. Eine englische Übersetzung brachte den Übersetzer in den Tower.

 

Achtzehntes Jhd. - als Antwort auf die Duplikate:

Ein „Doppel“ ist dann der Fall, wenn die selbe Geschichte zweimal erzählt wird. Sogar in der Übersetzung ist es sehr einfach zu beobachten, dass biblische Geschichten oft mit Veränderungen im Detail an zwei verschiedenen Orten in der Bibel vorkommen. Es gibt zwei verschiedene Erzählungen von der Erschaffung der Welt. Es gibt zwei Geschichten von dem Bund zwischen Gott und dem Stammvater Abraham, zwei Geschichten über die Namensgebung von Abrahams Sohn Isaak, zwei Geschichten über die Behauptung Abrahams gegenüber einem ausländischen König, dass seine Ehefrau Sarah seine Schwester ist, zwei Geschichten darüber wie Isaaks Sohn Jakob eine Reise nach Mesopotamien macht, zwei Geschichten über eine Offenbarungan Jakob in Bethel, zwei Geschichten, wie Gott Jakobs Namen zu Israel abändert, zwei Geschichten wie Moses Wasser aus einem Felsen an einem Ort namens Meriba holt und mehr.

[22]

-Drei unabhängige Untersucher (H. B. Witter, ein deutscher Minister, Jean Astruc, ein französischer Arzt und J. G. Eichhorn, ein deutscher Professor) kamen bei der selben Schlussfolgerung an: zwei verschiedene Quellen für diese Geschichten von Schreibern, die nach Moses lebten.

[23]

Die Quellen:

 

J -- Jahwe/Jehovah als der Name Gottes

E -- Elohim als der Name Gottes

P -- Das Größte: schließt die meisten rechtlichen Abschnitte ein, priesterliche Angelegenheiten

D -- Nur im Buch Deuteronomium zu finden

 

Widerspruch gegen die Dokumentar-Hypothese im 19. Jhd. - aber im 20. Jhd., Haupt-Wendepunkt mit dem enzyklischen Divino afflante Spiritu, Papst Pius XII, 1943, "die Magna Charta für biblischen Fortschritt".

Der Papst ermutigte Gelehrte dazu, dem Wissen über die biblischen Schreiber nachzugehen, weil diese Schreiber "das lebende und angemessene Werkzeug des heiligen Geistes..."waren . Er kam zum Schluss:

Lass den Übersetzer dann, mit aller Vorsicht und ohne jegliches Licht zu vernachlässigen, welches aus neuester Forschung stammt, sich bemühen um den besonderen Charakter und die Umstände des heiligen Schreibers zu bestimmen, die Zeit in der er lebte, die schriftlichen wie mündlichen Quellen auf die er zurückgreifen konnte und die Ausdrucksformen die er verwendete.

[27]

Schließlich wurde das sowohl von protestantischen als auch von jüdischen Gelehrten akzeptiert. In der gegenwärtigen Generation von Bibel-Gelehrten ist die Dokumentar-Hyphothese "weiterhin Ausgangspunkt für die Forschung, kein ernsthafter Student der Bibel kann davon wegbleiben, sie zu studieren und keine andere Beweisführung hat es annähernd geschafft, sie herauszufordern".[28]

Es ist, was mich angeht, das Äquivalent zur Quantenmechanik in der Physik.

 

Die Welt, welche die Bibel hervorgebracht hat: 1200-722  v. u. Z.

Wenig historische Information über die Patriarchen, ihre Erfahrungen als Sklaven in Ägypten, das Wandern im Sinai. Belege für ein akkurates Bild des biblischen Lebens gibt es erst ab dem ca. 12. Jhd. v. u. Z., als die Israeliten sich in dieser Region niedergelassen haben.

Stammesmäßig - dreizehn, "mit beträchtlichen Unterschieden in Größe und Bevölkerungszahl vom kleinsten zum größten. Zwölf der Stämme hatten jeweils ein eigenes geographisch abgegrenztes Territorium. Der dreizehnte, der Stamm des Levi, wurde als eine priesterliche Gruppe identifiziert. Seine Mitglieder lebten in Städten in den Territorien der anderen Stämme. Jeder Stamm hatte seine eigenen gewählten Anführer."

Richter, Priester: Richter hörten sich  Streitigkeiten an und  boten auch militärische Führung an. Priester dienten auf religiösen Zeremonien - zuallererst, Opferungen (und erhielten einen Teil des geopferten Tieres oder des landwirtschaftlichen Produktes).

Propheten - aus jedem Beruf: Ezechiel war ein Priester, Amos war ein Kuhhirte. "Das hebräische Wort für Prophet ist Nabi, welches "gerufen" bedeutet". [36]

Wer ist Richard Elliott Friedman?

"Friedman, einer unserer intelligentesten jungen Bibel-Gelehrten, kombiniert gewandt die Geschichte der Gelehrsamkeit mit einem autobiographischen Bericht seiner eigenen Nachforschung und  Erkenntnissen. Ein faszinierendes und brillantes Buch, voller neuer Erkenntnisse und frischen Entdeckungen. Liest sich wie ein Detektivroman."

-- Frank Moore Cross, Hancock. Professor des Hebräischen und anderen Sprachen des Orients, Harvard Universität

"Erreicht die seltene Kombination von ernster Gelehrsamkeit und einem äußerst lesbaren, ja sogar rasanten Stil. Das feinste Buch seiner Art dass ich seit Jahren gelesen habe."

-- David Noel Freedman, Arthur F. Thurnau. Professor für Bibel-Studien, Universität von Michigan und Editor, Anchor Bible Series

"Ein neues Paradigma für das Verständnis der Zusammensetzung der Bibel. Neuartig, anregend, ein Atemzug frischer Luft und ein Desiderat für die hebräische Bibelforschung."

-- Abraham Malamat, Professor der Bibel, Hebräische Universität von Jerusalem

"Faszinierend, voller Spannung und Überraschungen, eine gut geschriebene Detektivgeschichte."

-- Richard J. Clifford, S. J., Dekan und Professor des Alten Testaments, Weston Studiengang der Theologie

"Ich durchflog das Manuskript innerhalb der Zeitspanne eines Tages, so wie jemand zwanghaft nach einer Tafel Schokolade greifen würde. Es war einfach zu provokativ zum Hinlegen. Hat das Potential sehr einflussreich innerhalb des Fachgebiets und in einer informierten Öffentlichkeit zu werden."

-- Baruch Halpern, Professor der Bibel, York Universität, Toronto

"Nicht nur ein weiteres Buch über die Bibel. Einer ist erstaunt darüber, wie viele neue Informationen und wie viele verblüffende Ideen aus dieser neu veröffentlichten Forschungsarbeit hervorgehen."

-- Yigal Shiloh, Professor der biblischen Archäologie, Hebräische Universität von Jerusalem

"Vermittelt eine Frische und Aufregung der Entdeckung was dem alten Wissenszweig viele Jahrzehnte gefehlt hat. Ich finde Friedmans Darlegung besonders mitfühlend, wie alle anderen Bibelleser auch die jemals innegehalten haben um sich zu fragen, wessen Text sie da überhaupt am lesen sind.

-- Alan Cooper, Professor der Bibel, Hebrew Union College

 

Anmerkung:

[1] Redaktor: jemand der Texte "neu schreibt" oder "überarbeitet".

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