Kufr und seine verschiedenen Arten
Frage:
Ich habe in der Antwort zu Frage Nr. 12811 gelesen, dass es verschiedene Arten des großen Kufr gibt, durch den man den Islam verlässt. Ich hätte dazu gern nähere Erklärungen anhand von Beispielen.
Antwort:
Alles Lob gebührt Allah.
Das Wesen des Kufr und seine verschiedenen Arten sind ein breites Thema, doch wir können es in den folgenden Punkten zusammenfassen:
1. Die Wichtigkeit zu wissen, was Kufr ist und welche Formen er annehmen kann
Die Texte des Qurans und der Sunna zeigen, dass der Glaube nicht gültig ist und nicht angenommen wird, bis zwei Bedingungen erfüllt sind. Diese sind im Glaubensbekenntnis enthalten, dass es keinen Gott gibt außer Allah. Die zwei Bedingungen sind die Unterwerfung unter Allah allein (Tauhid) und das Verurteilen und Verdammen aller Arten von Kufr und Shirk.
Ein Mensch kann nur das verurteilen und verdammen, worüber er Bescheid weiß. Daran erkennen wir die Wichtigkeit für das Verständnis des Tauhid, sodass wir dementsprechend handeln und uns daran halten können, sowie für das Verständnis des Kufr und des Shirk, sodass wir diese vermeiden und ihnen aus dem Wege gehen können.
2. Definition des Kufr
Kufr bedeutet im Arabischen etwas zu bedecken und verbergen.
In der shariarechtlichen Terminologie bedeutet es: nicht an Allah und Seinen Gesandten zu glauben, sei es durch Leugnung oder zwar nicht durch Leugnung, aber durch Zweifel, oder durch das Abwenden vom Glauben aufgrund von Eifersucht oder Arroganz oder weil jemand seinen Gelüsten und Begierden folgt, welche ihn vom Befolgen der Botschaft abhalten. Kufr ist also ein Attribut für jeden, der etwas ablehnt, an das Allah uns zu glauben befohlen hat, nachdem er darüber informiert wurde, unabhängig davon, ob er es in seinem Herzen ablehnt, ohne es zu äußern, oder ob er die Worte der Ablehnung ausspricht, ohne in seinem Herzen daran zu glauben, oder beides. Oder er verrichtet eine Handlung, die in den Texten so beschrieben wird, dass sie jemanden aus dem Glauben herausbringt. (Siehe Majmu al-Fatawa von Shaikh al-Islam Ibn Taymiyya, 12/335; al-Ihkam fi Usul al-Ahkam von Ibn Hazam, 1/45)
Ibn Hazam sagte in seinem Buch al-Fasl: „Etwas zurückzuweisen, für das es einen sicheren Beweis gibt, dass es ohne den Glauben daran keinen Glauben gibt, ist Kufr und das Aussprechen von Worten, für die es den Beweis gibt, dass das Äußern dieser Worte Kufr ist, ist Kufr. Irgendeine Handlung zu verrichten, für die es den Beweis gibt, dass dies Kufr ist, ist Kufr.“
3. Arten des großen Kufr, durch die man den Islam verlässt
Die Gelehrten unterteilten den Kufr in mehrere Kategorien, in denen sie viele Formen und Arten des Shirk auflisteten. Diese lauten wie folgt:
Der Kufr des Leugnens und der Zurückweisung
Dieser Kufr nimmt manchmal die Form von Unglauben im Herzen an – was unter den Kuffar gemäß Ibn al-Qayyim (möge Allah ihm barmherzig sein) selten zutrifft – und manchmal nimmt er die Form von äußerer oder offensichtlicher Ablehnung an, was bedeutet, die Wahrheit zu verbergen und sich äußerlich nicht zu unterwerfen, während sie innerlich erkannt wird. Dies ist z.B. der Fall bei der Ablehnung der Juden Muhammad (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) gegenüber. Allah sagt über sie (ungefähre Bedeutung): „… als nun das zu ihnen kam, was sie kannten, verleugneten sie es. …“ [2:89] Das ist so, weil eine Ablehnung nur dann stattfindet, wenn jemand die Wahrheit kennt und sie zurückweist. Daher sagte Allah, dass der Unglaube der Kuffar an den Gesandten (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) kein Unglaube im tatsächlichen Sinne des Wortes war, da ihr Unglaube nur äußerlich und verbal war, doch innerlich erkannten sie die Wahrheit.
Allah sagt (ungefähre Bedeutung):
„… Aber nicht dich bezichtigen sie (in Wirklichkeit) der Lüge, sondern die Zeichen Allahs (die Verse des Quran) verleugnen die(se) Ungerechten (Dhalimun – Polytheisten und Übeltäter).“ [6:33]
„Und sie verleugneten sie (die Ayat), obwohl sie selbst davon überzeugt waren, aus Ungerechtigkeit und Überheblichkeit. So schau, wie das Ende der Unheilstifter war.“ [27:14]
Diesem ähnlich ist der Kufr des Erlaubens dessen, was verboten ist. Wer auch immer etwas als erlaubt betrachtet, von dem er weiß, dass der Islam es verbietet, hat nicht an den Gesandten (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) geglaubt und nicht an das, was dieser brachte. Dasselbe trifft auf denjenigen zu, der etwas verbietet, von dem er weiß, dass der Islam es gestattet.
Der Kufr des Abwendens aus Arroganz
Wie es z.B. bei dem Kufr von Iblis der Fall war, über den Allah sagte (ungefähre Bedeutung): „… außer Iblis (Satan). Er weigerte sich und verhielt sich hochmütig und gehörte zu den Ungläubigen (Allah ungehorsam).“ [2:34]
Und Allah sagt (ungefähre Bedeutung): „Und sie (die Heuchler) sagen: ‚Wir glauben an Allah und an den Gesandten (Muhammad)“[24:47]
Somit hat Allah bestätigt, dass diejenigen, die nicht in Übereinstimmung mit dem Glauben handeln, keine Gläubigen sind, selbst wenn sie Worte des Glaubens äußern. Der Kufr des Abwendens bedeutet, dass jemand die Wahrheit ignoriert, sie nicht erlernt und nicht ihr entsprechend handelt, sei es die Angelegenheit der Worte, Handlungen oder Überzeugungen. Allah sagt (ungefähre Bedeutung):
Wer auch immer sich mit Worten von dem abwendet, was der Gesandte gebracht hat, ist wie derjenige, der sagt: „Ich werde ihm nicht folgen.“ Wer sich durch seine Handlungen abwendet, ist wie derjenige, der vor der Wahrheit davon läuft, welche gebracht wurde, oder er steckt seine Finger in seine Ohren um nicht hören zu müssen, oder wer davon hört, wendet sein Herz ab und weigert sich zu glauben, und wer sich weigert danach zu handeln – er ist ungläubig im Sinne des Kufrs des Abwendens.
Der Kufr der Heuchelei
Dies ist die Form des Unglaubens im Herzen und des Nicht-Handelns, während man sich äußerlich unterwirft, um vor den Menschen anzugeben. Dies ist wie der Kufr von Ibn Salul und den anderen Munafiqun (Heuchlern), über die Allah sagt (ungefähre Bedeutung): „Unter den Menschen gibt es manche, die sagen: ‚Wir glauben an Allah und an den Jüngsten Tag‘, doch sind sie nicht gläubig. Sie möchten Allah und diejenigen, die glauben, betrügen. Aber sie betrügen nur sich selbst, ohne zu merken. In ihren Herzen ist Krankheit (des Zweifels und der Heuchelei), und da hat Allah ihnen die Krankheit noch gemehrt. Für sie wird es schmerzhafte Strafe dafür geben, dass sie zu lügen pflegten. Und wenn man zu ihnen sagt: ‚Stiftet nicht Unheil auf der Erde!‘, sagen sie: ‚Wir sind ja nur Heilstifter‘. Dabei sind doch eben sie die Unheilstifter, nur merken sie nicht. Und wenn man zu ihnen (den Heuchlern) sagt: ‚Glaubt, wie die Menschen (die Anhänger Muhammads, al-Ansar und al-Muhajirun) glauben!‘, so sagen sie: ‚Sollen wir glauben, wie die Toren glauben?‘ Dabei sind doch eben sie die Toren. Aber sie wissen nicht. Und wenn sie diejenigen treffen, die glauben, sagen sie: ‚Wir glauben.‘ Wenn sie jedoch mit ihren Teufeln (Shayatin – Teufel, Polytheisten, Heuchler) allein sind, so sagen sie: ‚Wir stehen zu euch. Wir machen uns ja nur lustig.‘ Allah ist es, Der Sich über sie lustig macht. Und Er lässt sie in ihrer Auflehnung umherirren. Das sind diejenigen, die das Irregehen um die Rechtleitung erkauft haben, doch hat ihr Handel keinen Gewinn gebracht, und sie sind nicht rechtgeleitet. Ihr Gleichnis ist das jemandes, der ein Feuer anzündet. Nachdem es seine Umgebung erhellt hat, nimmt Allah ihr Licht weg und lässt sie in Finsternis zurück; sie sehen nicht. Taub, stumm und blind: So werden sie nicht umkehren (zum rechten Weg). Oder es ist wie ein Gewitterregen, der vom Himmel niedergeht, voller Finsternis, Donner und Blitz. Sie stecken sich die Finger in die Ohren vor den Donnerschlägen, um dem Tod zu entfliehen, doch Allah umfasst die Ungläubigen (d.h. Allah wird sie alle zusammen versammeln). Der Blitz reißt ihnen beinahe das Augenlicht fort. Jedes Mal, wenn er ihnen Helligkeit verbreitet, gehen sie darin. Und wenn es finster um sie wird, bleiben sie stehen. Wenn Allah wollte, nähme Er ihnen wahrlich Gehör und Augenlicht. Allah hat zu allem die Macht.“ [2:8-20]
Der Kufr des Zweifels
Dies bedeutet, hinsichtlich des Befolgens der Wahrheit zu zögern und sich unsicher zu sein, ob es tatsächlich wahr ist, denn es ist erforderlich, Sicherheit im Glauben (Yaqin) darüber zu besitzen, dass das, was der Gesandte (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) brachte, die absolute Wahrheit ist, ohne den Hauch eines Zweifels. Wer auch immer denkt, dass das, was er brachte, unwahr sein könnte, ist ungläubig im Sinne des Kufr des Zweifels geworden, wie Allah sagt (ungefähre Bedeutung): „Und er betrat seinen Garten, während er sich selbst Unrecht tat (weil er stolz und ungläubig war). Er sagte: ‚Ich glaube nicht, dass dieser (Garten) jemals zugrunde gehen wird, und ich glaube nicht, dass die Stunde (des Gerichts) sich einstellen wird. Und wenn ich zu meinem Herrn zurückgebracht werde (am Tag der Auferstehung), werde ich ganz gewiss etwas Besseres als ihn als Rückzugsort finden.‘ Sein Gefährte sagte zu ihm, während er sich mit ihm unterhielt: ‚Verleugnest du denn Denjenigen, Der dich aus Erde (d.h. deinen Vater Adam), hierauf aus einem Samentropfen (Nutfa) erschaffen und hierauf dich zu einem Mann geformt hat? Aber, was mich betrifft: (Ich glaube,) Er, Allah, ist mein Herr, und ich geselle meinem Herrn niemanden bei.‘“ [18:35-38]
Daraus können wir schlussfolgern, dass Kufr – welcher das Gegenteil von iman oder Glauben ist – in Form von Gefühlen im Herzen auftreten kann, wie z. B. dass man Allah oder Seine Zeichen verabscheut oder Seinen Gesandten (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm); dies widerspricht der Liebe und dem Glauben, welche die Handlungen des Herzens unterstützen. Kufr kann auch die Form von gesprochenen Worten annehmen, wie z.B. dass man Allah beleidigt, oder es kann eine äußerliche Handlung sein wie z.B. dass man sich vor Götzen niederwirft oder für jemand anderen als Allah opfert. Ebenso wie der Glaube die Gestalt von Taten des Herzens annehmen kann, von Worten auf der Zunge und äußeren physischen Handlungen, kann auch der Kufr die Gestalt von Taten des Herzens, Worten auf der Zunge und äußerlichen physischen Handlungen annehmen.
Wir bitten Allah darum, uns vor dem Kufr und seinen Zweigen zu bewahren, uns im Glauben zu stärken, uns rechtzuleiten und durch uns andere rechtzuleiten… Amin. Und Allah weiß es am besten.
Siehe Alam as-Sunna al-Manshura, 177; Nawaqid al-Iman al-Qawliyya wa-l-Amaliyya von Shaikh Abd al-Aziz al Abd al-Latif, 36-46; Dawabit at-Takfir von Shaikh Abd-Allah al-Qarani, 183, 196.
Shaikh Muhammad Salih al-Munajjid
Quelle: Islam-QA.com (Frage Nr. 21249)
(Übersetzt von DieWahreReligion.de)


